Mit 36 einen neuen Sport erlernen

Sportschiessen, meine neue leidenschaft

Mit bald 36 Jahren einen neuen Sport zu beginnen, scheint ein bisschen schwierig. Früher da habe ich Judo gemacht, sehr intensiv und auch ziemlich erfolgreich. Doch einen Unfall hat mich dazu gezwungen, mein geliebtes Judo aufzugeben. Ich habe über zehn Jahre gebraucht einen Sport zu finden der mir so gefällt wie dieses Judo tat.  Vor mittlerweile drei Jahren habe ich einen neuen Sport gefunden. Biathlon hat mir die ideale Kombination zwischen körperlicher Anstrengung und Konzentration geliefert. Biathlon besteht aus Langlauf und Schiessen. Schliessen tut man mit einem Kleinkalibergewehr. Um ganz aufrichtig zu sein, der Teil des Schiessen liegt mir mehr. So konnte ich in den letzten zwei Jahren mit guten Schiessleistungen punkten. Wobei meine körperlichen Leistungen noch verbesserungsfähig sind. Trainiert habe ich immer bei den Sportschützen Wettingen-Würenlos ziemlichen im geheimen, um genau zu sein. Am Sonntagmorgen, wo meine meisten Trainingseinheiten stattgefunden haben, hat es im 50 m Schiessstand keine anderen Leute. Doch vor gut einem halben Jahr hat mich das Schiessfieber gepackt. Ich sagte mir, beim Biathlon muss ich ja sowieso schiessen trainieren, da könnte ich eigentlich auch mit »richtigen« Schiessen im Sportschiessen beginnen. Ich konnte mal ein bisschen ausprobieren, wie es ist Sportschütze zu sein. So nahm ich mit ein paar Kollegen aus dem Club Kontakt auf die mich bis dahin aber nicht wirklich kannten. Ich hatte sofort Feuer gefangen und hab mir dann im Januar 2016 meine komplette Ausrichtung bestellt. Kleinkalibergewehr, ein Luftgewehr und alles was dazugehört. Es war ein schwieriger Schritt, da die Investition nicht gerade klein war. Doch war es mir wichtig sehr gutes Material zu haben um meine zukünftigen Investitionen auch kleiner zu halten. Bei den Sportschützen Wettingen-Würenlos wurde ich sehr nett aufgenommen.  Die alt eingesessenen Schützen habe mich von Beginn her unterstützt, mir Tipps und Tricks gegeben und mir gezeigt, was ich alles anders oder besser machen muss. Ich habe mich entschlossen in der ersten Saison noch keine Wettkämpfe zu bestreiten. Lediglich einige Volksschiessen habe ich mir gegönnt. Meine persönlichen Ziele für diese Saison habe ich relativ schnell erreicht, was mich natürlich noch mehr angespornt hat. Durch die fachkundige Unterstützung meiner Kollegen konnte ich meine persönlichen Ziele sogar übertreffen und möchte dementsprechend nächstes Jahr dann an Wettkämpfen teilnehmen.  Sehr glücklich bin ich darüber, einen neuen Sport gefunden zu haben der mir die gleiche Energie und Willenskraft gibt, wie es Judo damals getan hat. Genau genommen haben Judo und schiessen viel gemeinsam. Disziplin, Konzentration und Beharrlichkeit sind die wichtigsten Fähigkeiten, die ein guter Schütze mitbringen muss, sowie es auch ein guter Judoka tut. 

Was mich antreibt:

Ehrgeiz hatte ich schon immer. Mir hat das Medium gefehlt, bei dem ich meinen sportlichen Ehrgeiz wieder ausleben konnte. Das Schiessen hat mir dies zurückgebracht. Und zwar geht es nicht nur darum mich mit anderen zu messen, sondern die Möglichkeit zu haben gegen mich selber anzutreten. Beim Sportschiessen, egal ob Luftgewehr oder Kleinkaliber, bin ich mein eigener Feind. Die Disziplin, die Konzentration und die Fähigkeit diesen kleinen schwarzen Punkt für längere Zeit zu beobachtende respektive zu Fokussierung, das ist es, was mir Sportschiessen gibt. Auch in meinem beruflichen Leben hilft mir diese Erfahrung. Nach einem gestressten Arbeitstag, bei dem wieder einmal einiges schief lief, in den Schützenstand zu kommen, das Gewehr schon fast Zeremoniell bereitzustellen und dann hinzuliegen und auf diese kleine schwarze Scheibe zu Fokussierung, alles Vergessen, was rundherum ist.  Eine halbe Stunde da zu liegen und sich auf einen kleinen Punkt zu konzentrieren hilft mir komplett abzuschalten. Ich wage es auch zu behaupten das, dass Sportschiessen mich ruhiger und zielgerichteter gemacht hat.

Der Verein:

 Die Sportschützen Wettingen-Würenlos habe ich von einer sehr positiven Seite kennen gelernt. Offen, freundlich, zielgerichtet und sehr hilfsbereit das sind die Hauptmerkmale eines guten Vereins. All diese Merkmale vereinen die Sportschützen. 

Wie das so bei Vereinen ist, Leben diese ausschliesslich von freiwilliger Mitarbeit. Als ich bei meinem »richtigen« Start im Verein gefragt wurde, ob ich im Vorstand mitarbeiten würde habe ich nicht lange gezögert und zugesagt. Tja so ist das halt immer, wer nicht schnell genug wegläuft Smiley.

 Genau dieser Vorstand ist ein Teil, warum ich mich so wohl fühle. Die »jungen wilden« die im Vorstand mitwirken, sind gleichzeitig diejenigen die mir beigebracht haben, wie man Schiessen tut. Wenn ich zurückdenke wie ich mit 20 bis 22 Jahre alt war, so bewundere ich meine Kollegen, die diese Ruhe in so jungen Jahren schon gefunden haben.

Meine Ziele:

 Ambitionierte Ziele habe ich keine.  Das klingt vielleicht komisch, ist aber so. Sportlich gesehen habe ich in sehr jungen Jahren so ziemlich alle meine Ziele erreicht, wenn auch mit meinem Unfall gleich wieder verloren. Mich selbst mit mir zu messen, das ist der wahre Anreiz für mich. Und es ist schön mal nicht mit anderen im Konkurrenzkampf zu stehen. Natürlich möchte ich einige Wettkämpfe bestreiten, Ambitionen dabei mal irgend eine Medaille zu erkämpfen habe ich nicht. Und trotzdem, kein Sportler würde es ablehnen an einem Wettkampf eine Medaille zu gewinnen.


Abschliessend gilt es zu sagen, dass das Sportschiessen für mich die ideale Ergänzung zum Biathlontraining ist. Ich werde natürlich den Biathlon nicht ganz aufgeben. Doch die Balance zwischen dem Sportschiessen und der körperlichen Ertüchtigung hilft mir den richtigen Ausgleich zu finden. Nach über zehn Jahren wieder einen Sport gefunden zu haben, der mich komplett eingenommen hat und mich restlos begeistert das ist sicher nicht ganz einfach. Zumal man, sportlich gesehen, mit 36 ja schon eher zum alten Eisen gehört. Wer glaubt das, dass Sportschiessen ein Sport ist, bei dem das Körperliche respektive die Fitness zu vernachlässigen ist, der irrt. Die mentale Stärke braucht es, doch ohne das körperliche Feingefühl wird man nicht ins Schwarze treffen.